Entzündung

    Aus Medizin-Lexikon.de

    (Inflammatio)

    Definition

    Eine Entzündung ist die Reaktion des Blutgefäßsystems auf alle Arten von Schädigungen. Durch die verstärkte Füllung der Kapillargefäße und ihre erhöhte Durchlässigkeit für Blutkörperchen und Blutplasma werden die klassischen Zeichen der Entzündung hervorgerufen: Rötung, Schwellung, Hitze und Schmerz.

    Entzündungsverlauf

    Beschleunigung des Blutstroms

    Durch jede Schädigung (Druck, Verletzungen, Hitze, Kälte, Gifte aller Art, Licht und andere Strahlen usw.) werden Stoffe frei, durch welche die Regulation des Blutstroms im betroffenen Gebiet direkt an der Gefäßwand beeinflusst wird und die Nerven gereizt werden, die in die gleiche Regulation eingreifen. Dadurch werden arterio-venöse Anastosomen (siehe Anastomose) geschlossen und die Kapillaren erweitert. Infolgedessen wird das betroffene Gewebe stärker durchblutet (Rötung, Erwärmung), so dass für die Abwehrreaktionen mehr Sauerstoff zur Verfügung steht.

    Verlangsamung des Blutstroms

    Durch die direkte Schädigung der Kapillarwände werden diese aber durchlässiger für Blutplasma und weiße Blutkörperchen (Leukozyten), so dass ein Ödem auftritt. Außerdem erschlaffen die Kapillarwände bald unter dem ungewohnten Druck. Beide Vorgänge tragen dazu bei, dass der Blutstrom im Entzündungsherd gebremst wird, so dass die Sauerstoffkonzentration sinkt und Kohlensäure und andere Stoffwechselprodukte sich anhäufen, die wiederum die Nerven reizen und den Heilvorgang stören (Schwellung, Schmerz, Übergang in blau-violette Färbung).

    Diese Verlangsamung des Blutstromes (Stase) bewirkt, dass die weißen Blutkörperchen an der Wand der Blutgefäße wandern, während die kleineren roten Blutkörperchen (Erythrozyten) mit dem schneller strömenden Zentrum der Blutsäule wandern. Die weißen Blutkörperchen treten dann durch feine Poren der Kapillarwände aus und wandern selbstständig in Richtung des Entzündungsherdes, von dem sie durch besondere Stoffe (Opsonine) angelockt werden (Chemotaxis). Sowohl die weißen Blutkörperchen als auch das Blutplasma enthalten Stoffe, durch welche die meisten Krankheitserreger abgetötet werden. Außerdem schlägt sich aus dem Blutplasma Fibrin nieder, das eine weitere Ausbreitung der Giftstoffe im Körper verhindern soll.

    Absterben des Gewebes

    Teils durch die ursprüngliche Schädigung, teils auch durch eine übermäßige Entzündungsreaktion stirbt das betroffene Gewebe ab. Alles tote Gewebe wird durch die weißen Blutkörperchen und andere Wanderzellen (Histiozyten) angegriffen, aufgelöst und abtransportiert. Die eingewanderten Zellen können in so großen Mengen vorhanden sein, dass sie zusammen mit dem aufgelösten Gewebe Eiter bilden.

    Vernarbung und Regeneration

    Schließlich endet jede Entzündung damit, dass die Wanderzellen sich zu einem derben Bindegewebe zusammenschließen. Auf das "leukozytäre Infiltrat" folgt die "bindegewebige Organisation", die Vernarbung.

    Der Organismus ist bestrebt, schnellstens den Zustand wiederherzustellen, der vor der Schädigung bestand. Diese "Regeneration" setzt nach rund zwölf Stunden ein. Sie beginnt damit, dass neuen Blut- und Lymphgefäße in den geschädigten Bezirk einwachsen und auch das benachbarte Bindegewebe zu wuchern beginnt. Bei offenen Wunden erscheinen die vorstoßenden Spitzen dieser Wucherungen als kleine rote Körnchen (Granula), weswegen man von einem Granulationsgewebe spricht (siehe Granulation). Durch solches Gewebe wird zunächst ein Wall um den geschädigten Bezirk gebildet, der ihn mehr oder weniger deutlich von der Umgebung abgrenzt (demarkiert). Diese Demarkation kann bei stärkeren Schädigungen so stark ausgeprägt werden, dass das abgegrenzte Gewebe vom Körper völlig abgetrennt (sequestriert) wird und lange Zeit als abgestorbener Fremdkörper (Sequester) liegen bleiben kann, wie es besonders bei Knocheneiterungen vorkommt. Granulationsgewebe übernimmt also den Schutz der Umgebung vor den Entzündungsprodukten, den zuerst das Fibrin bewirkt hatte. Man findet es daher als Schutzwall um alle Eiterhöhlen, Fistelgänge, Fremdkörper usw., die schon länger bestehen.

    Dauert die Reizung weiter an, so kann das Granulationsgewebe übermäßig wuchern, ("wildes Fleisch"). Normalerweise wandelt es sich in Narbengewebe um, das sich stark zusammenzieht, so dass die Ränder des gesunden Gebietes einander angenähert werden. Dabei kann es aber zu Narbenkontrakturen und Verwachsungen kommen, die störend und schmerzhaft sein können.

    Entzündungsarten

    Art und Verlauf der Entzündung hängen von Stärke und Dauer der Schädigung ab. Bei der leichten Entzündung überwiegt die Rötung und Schwellung, bei schweren, kurzdauernden Schäden der Gewebstod, bei langdauernden die Granulationswucherung.

    Einteilung nach dem äußeren Bild

    Nach dem äußeren Bild unterscheidet man verschiedene Arten der Entzündung, unter deren Bezeichnungen sich aber auch Gegensätze der historischen Entwicklung der Entzündungslehre verbergen:

    a) Die seröse Entzündung soll durch den Austritt von Flüssigkeit ins Gewebe entstanden sein. Als Ursache von Organerkrankungen (z.B. der Leber) wird sie heute nicht mehr anerkannt. Typisch dafür sind flüssige Abscheidungen innerer Höhlen (Bauchfell, Brustfell, Gelenkhöhlen) sowie Ausscheidungen der Epidermis (Blasenbildung);

    b) Bei der fibrinösen Entzündung entstehen feste Fäden, durch welche, z.B. im Bauchraum, Verklebungen zwischen den Eingeweiden entstehen. Auf den Schleimhäuten bilden sich "kruppöse" Membranen, die bei Diphtherie die Luftwege verschließen können. Im Gegensatz zur serösen Entzündung hinterlässt die Fibrinabscheidung meist dauernde Spuren, z.B. "Reiskörner" in den Gelenken und Verwachsungen im Brust- und Bauchraum;

    c) Die eitrige Entzündung entsteht durch massenhafte Auswanderung von weißen Blutkörperchen aus den Gefäßen (Exsudat). Sie kommt nicht nur lokal bei Abszessen vor, sondern auch in alle Körperhöhlen hinein und auf den Schleimhäuten;

    d) Eine hämorrhagische (blutige) Entzündung entsteht, wenn die Wände der Blutgefäße so stark geschädigt sind, dass auch rote Blutkörperchen austreten. Sie ist durch eine blutig-wässrige Ausschwitzung gekennzeichnet und immer ein ernstes Symptom;

    e) Die jauchige (putride) Entzündung tritt auf, wenn die Bakterien stärker sind als die Abwehr. Meist findet man eine blutig-wässrige Ausschwitzung mit wenig Abwehrzellen und von ekelhaftem Geruch, aus dem man oft schon auf den Infektionserreger (z.B. Kotgeruch bei Kolibakterien) schließen kann, oder mit Gasentstehung durch Gärung (z.B. bei Gasbrand).

    Einteilung nach Bakterienart und körperlicher Widerstandskraft

    Die Form der Entzündung hängt bei bakterieller Infektion von der Art der Bakterien und der Widerstandskraft des Körpers gegen dieselben ab.

    Sie kann:

    a) sich schnell flächenhaft ausbreiten (Erysipel, Phlegmone);

    b) sich in die Tiefe fressen (Milzbrand);

    c) zu fauligem Zerfall (Gangrän) führen, besonders, wenn noch Durchblutungsstörungen hinzukommen;

    d) zu langsam fortschreitender trockener Eiterung (Verkäsung) führen, wenn der Erreger wenig aggressiv ist, aber doch nicht unterdrückt werden kann (z.B. Tuberkulose);

    e) ganz ohne Eiterung zu Wucherungen (z.B. Warzen) oder Narben (z.B. Lepra) führen.

    chronische und akute Entzündung

    Nach dem Verlauf unterscheidet man daher auch die chronische von der akuten Entzündung. Während die letztere die "klassischen" Erscheinungen der Entzündung auslöst, die eben aufgezählt wurden, hängt das Bild der chronischen Entzündung von der Art der Schädigung und noch mehr vom Reaktionstyp des betroffenen Individuums ab. Es gibt daher auch eine Unterscheidung der Patienten nach ihrer Entzündungsreaktion in exsudative, lymphatische und indurative Typen. So hängt es weitgehend vom Patienten ab, ob eine Lepra stürmisch (exsudativ), mit Fieber und anderen Krankheitserscheinungen (lymphatisch), oder aber schleichend mit allmählicher Verhärtung der betroffenen Gewebe (indurativ) verläuft. Die exsudative Form entsteht durch heftige Abwehrreaktionen des Körpers und ist daher leichter auszuheilen als die indurative.

    Medizinisch kennzeichnet man die akute Entzündung durch Anfugung der Nachsilbe -itis an das betroffene Organ, z.B. Bronch-itis, Enter-itis, Arther-itis, eine chronische Entzündung bekommt die Nachsilbe -ose, z.B. Arthrose, Hepatose.

    Entzündung des Drüsengewebes und des Bindegewebes (veraltet)

    Bestimmte Krankheitserreger befallen bevorzugt das Lymphsystem, so dass es zur Elephantiasis kommt. Früher unterschied man noch eine Entzündung funktioneller Drüsengewebe (parenchymatöse Entzündung, trübe Schwellung) von einer des Bindegewebes (mesenchymale Entzündung), doch glaubt man heute, dass jede Entzündung nur vom Bindegewebsgefäßsystem ausgeht.