Was ist Agammaglobulinämie?

Die Agammaglobulinämie ist eine seltene, primäre Immundefizienz, die durch das vollständige oder nahezu vollständige Fehlen von Gammaglobulinen im Blut gekennzeichnet ist. Gammaglobuline, vor allem Immunglobuline (Antikörper), spielen eine zentrale Rolle im Schutz des Körpers vor Infektionen. Fehlen diese Antikörper, ist das Immunsystem nicht in der Lage, Krankheitserreger effektiv zu bekämpfen. Die Folge sind wiederkehrende und schwere Infektionen, die unbehandelt lebensbedrohlich sein können.

Ursachen der Agammaglobulinämie

Die häufigste Form der Agammaglobulinämie ist die X-chromosomal vererbte Bruton’sche Agammaglobulinämie (XLA). Dabei liegt ein genetischer Defekt im BTK-Gen (Bruton-Tyrosinkinase) vor, der die Entwicklung von B-Zellen in der Knochenmarkreifung blockiert. B-Zellen sind für die Produktion von Antikörpern verantwortlich. Ohne funktionierende B-Zellen entstehen kaum bis keine Gammaglobuline im Blut.

Neben der XLA gibt es auch andere Formen, die autosomal rezessiv vererbt oder sekundär durch Erkrankungen oder Behandlungen (z.B. Chemotherapie) verursacht werden können. Diese Formen sind jedoch deutlich seltener.

Symptome und klinisches Bild

Patienten mit Agammaglobulinämie zeigen meist ab dem Säuglingsalter schwere bakterielle Infektionen, da der Nestschutz durch mütterliche Antikörper nach wenigen Monaten nachlässt. Typische Infektionen betreffen die Atemwege, Haut, Ohren und den Magen-Darm-Trakt. Dazu zählen:

  • Wiederkehrende Sinusitis und Bronchitis
  • Lungenentzündungen (Pneumonien)
  • Ohrentzündungen (Otitis media)
  • Hautabszesse
  • Durchfälle durch bakterielle oder virale Erreger

Neben der Infektanfälligkeit können Patienten gelegentlich auch an Autoimmunerkrankungen oder neurologischen Komplikationen leiden.

Diagnostik

Die Diagnose der Agammaglobulinämie basiert auf der Laboruntersuchung, die ein stark vermindertes oder fehlendes Serum-Gammaglobulin nachweist. Die B-Zell-Zahl im peripheren Blut ist ebenfalls deutlich reduziert. Ergänzend werden genetische Tests zur Identifikation von Mutationen im BTK-Gen durchgeführt.

Behandlung und Prognose

Die Therapie der Agammaglobulinämie zielt darauf ab, den Antikörpermangel durch regelmäßige Substitution von Immunglobulinen auszugleichen. Dies geschieht in Form von intravenösen (IVIG) oder subkutanen (SCIG) Gammaglobulin-Injektionen. Dadurch wird die Infektionshäufigkeit deutlich reduziert und die Lebensqualität erheblich verbessert.

Weitere Maßnahmen umfassen:

  • Frühzeitige und gezielte antibiotische Behandlung von Infekten
  • Vermeidung von Lebendimpfstoffen
  • Regelmäßige ärztliche Kontrolle und Lungendiagnostik

Die Prognose hat sich durch die Immunglobulintherapie deutlich verbessert, dennoch bleibt die Agammaglobulinämie eine lebenslange Erkrankung, die kontinuierliche medizinische Betreuung erfordert.

Zusammenfassung der wichtigsten Fakten zur Agammaglobulinämie

  • Angeborener Mangel an B-Zellen und Antikörpern
  • Führt zu erhöhter Infektanfälligkeit, vor allem bakterielle Infektionen
  • Meist genetisch bedingt, häufig durch BTK-Gen-Mutation
  • Diagnose durch Immunglobulinbestimmung und genetische Analyse
  • Lebenslange Behandlung mit Immunglobulinpräparaten notwendig

Quellen

  • Janeway’s Immunobiology, 9. Auflage, Murphy K, Weaver C, Garland Science, 2017
  • Robbins Basic Pathology, 10. Auflage, Kumar V, Abbas AK, Aster JC, Elsevier, 2018
  • Harrison’s Principles of Internal Medicine, 20. Auflage, Jameson JL et al., McGraw-Hill, 2018
  • Immunology: A Short Course, 7. Auflage, Coico R, Sunshine G, Wiley-Blackwell, 2015
  • Clinical Immunology: Principles and Practice, 5. Auflage, Rich RR et al., Elsevier, 2019