Der Aderlass ist eine der ältesten bekannten medizinischen Maßnahmen und wurde über Jahrtausende hinweg als universelle Therapie bei zahlreichen Beschwerden eingesetzt. Auch wenn er heute nur noch in wenigen Spezialfällen Anwendung findet, ist sein medizinischer und historischer Stellenwert unbestritten. Der Begriff „Aderlass“ bezeichnet den gezielten Entzug von venösem Blut zur therapeutischen Behandlung verschiedener Erkrankungen.
Geschichte des Aderlasses
Der Aderlass hat eine lange Tradition, die sich über mehrere Jahrtausende erstreckt. Schon im antiken Ägypten, bei den Griechen und Römern sowie im Mittelalter war er eine zentrale medizinische Intervention. Hippokrates und Galen vertraten die humoralpathologische Vorstellung, dass Krankheiten durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) entstehen. Der Blutentzug galt als effektives Mittel, um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen.
Im Mittelalter wurde der Aderlass stark ritualisiert. Der Blutentzug erfolgte nach astrologischen Berechnungen und in regelmäßigen Abständen – nicht selten unabhängig von konkreten Beschwerden. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend eine wissenschaftlich fundierte Sichtweise durch, wodurch er an Bedeutung verlor.
Indikationen für einen Aderlass heute
Obwohl der Aderlass in der modernen Schulmedizin eine untergeordnete Rolle spielt, kommt er bei bestimmten Indikationen weiterhin zum Einsatz. Medizinisch anerkannt ist der Blutentzug vor allem bei:
- Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit)
- Polycythaemia vera (eine Form der Blutkrebserkrankung)
- Porphyria cutanea tarda
- Bestimmte Hypertonie-Formen in Kombination mit metabolischem Syndrom
In diesen Fällen dient der Aderlass dem gezielten Abbau überschüssigen Eisens, der Reduktion der Blutviskosität oder der Entlastung des Kreislaufsystems.
Durchführung und Ablauf eines Aderlasses
Ein therapeutischer Aderlass wird unter medizinischer Aufsicht durchgeführt. Dabei wird dem Patienten in der Regel über eine Vene am Arm eine definierte Menge Blut entnommen – meist zwischen 250 und 500 ml pro Sitzung.
Vor und nach dem Aderlass werden Vitalparameter wie Blutdruck, Puls und Hämoglobinwerte überwacht. Die Häufigkeit der Behandlung richtet sich nach der Grunderkrankung und dem klinischen Verlauf.
Mögliche Nebenwirkungen
Auch wenn der Aderlass in der Regel gut verträglich ist, können vereinzelt Nebenwirkungen auftreten:
- Schwindel oder Kreislaufprobleme
- Müdigkeit
- Blutdruckabfall
- Infektionen an der Punktionsstelle (selten)
Wirkung des Aderlasses aus medizinischer Sicht
Der Aderlass senkt das Blutvolumen und damit auch den Hämatokrit, was zu einer verbesserten Durchblutung führen kann. Bei Patienten mit Eisenüberladung hilft er, überschüssiges Eisen gezielt aus dem Körper zu entfernen. Zudem werden durch den kontrollierten Blutverlust verschiedene hormonelle und hämodynamische Anpassungen angestoßen, die sich positiv auf den Stoffwechsel auswirken können.
Der historische Blutentzug in der Naturheilkunde und Alternativmedizin
Auch in der Naturheilkunde und Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) wird der Aderlass weiterhin geschätzt. Dabei steht häufig nicht eine schulmedizinisch definierte Diagnose, sondern eine energetisch oder konstitutionell begründete Indikation im Vordergrund. Besonders bei Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Menstruationsbeschwerden oder rheumatischen Leiden setzen Naturheilkundler gelegentlich den Aderlass ein. Die Wirksamkeit dieser Anwendungen ist wissenschaftlich jedoch nur begrenzt belegt.
Aderlass vs. Blutspende – Wo liegt der Unterschied?
Obwohl beim Aderlass wie bei der Blutspende Blut entnommen wird, unterscheiden sich beide Verfahren in Zielsetzung und Durchführung:
- Beim Aderlass steht die therapeutische Wirkung für den Patienten im Vordergrund.
- Bei der Blutspende dient das entnommene Blut der Versorgung anderer Patienten und erfolgt in der Regel bei gesunden Spendern.
Zudem unterliegt der Aderlass strengen medizinischen Indikationskriterien und erfolgt immer unter ärztlicher Kontrolle.
Fazit: Der Aderlass – Altbewährt und medizinisch sinnvoll bei ausgewählten Erkrankungen
Der Aderlass hat sich über Jahrtausende hinweg als medizinisches Verfahren etabliert und wird auch heute noch bei speziellen Erkrankungen mit Erfolg eingesetzt. Während sein Einsatz in der Allgemeinmedizin deutlich zurückgegangen ist, bleibt er bei bestimmten Blut- und Eisenspeicherkrankheiten eine unverzichtbare Therapieoption. Die richtige Indikationsstellung und Durchführung sind dabei essenziell, um Nutzen und Risiko optimal gegeneinander abzuwägen.
Quellen
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