Affektkrämpfe sind plötzlich auftretende, reflexartige Anfälle bei Kleinkindern, die infolge starker emotionaler Reize wie Wut, Frust oder Schmerz auftreten. Diese auch als „Wutkrämpfe“ oder „Breath-Holding Spells“ bekannten Ereignisse sind für Eltern oft beängstigend, medizinisch jedoch in den meisten Fällen unbedenklich. Charakteristisch ist das unwillkürliche Anhalten des Atems nach einem intensiven emotionalen Reiz, was zu einer kurzfristigen Sauerstoffunterversorgung führt.
Was sind Affektkrämpfe?
Affektkrämpfe sind keine epileptischen Anfälle im klassischen Sinn. Sie zählen zu den sogenannten nicht-epileptischen Anfallsereignissen und sind funktioneller Natur. In der Regel treten sie im Alter zwischen sechs Monaten und sechs Jahren auf, wobei der Gipfel um das zweite Lebensjahr liegt.
Die kindliche Reaktion entsteht meist unmittelbar nach einem schmerzhaften Ereignis oder einer emotional stark aufgeladenen Situation. Es kommt zum unbewussten Atemstillstand in der Ausatmungsphase, was eine kurzzeitige Ohnmacht verursachen kann. In selteneren Fällen treten krampfartige Muskelzuckungen auf.
Symptome von Affektkrämpfen
Affektkrämpfe verlaufen typischerweise in mehreren Phasen, wobei die äußere Erscheinung variieren kann. Dennoch lassen sich häufig wiederkehrende Merkmale beobachten:
- Ein lauter Schrei oder Weinen nach dem Auslöser
- Plötzliches Luftanhalten mit starrer Haltung
- Blaufärbung von Lippen und Nagelbetten (zyanotischer Affektkrampf)
- In selteneren Fällen Blässe (pallorischer Affektkrampf)
- Kurzzeitige Bewusstlosigkeit (meist unter 60 Sekunden)
- Eventuell krampfartige Zuckungen der Extremitäten
Nach einem Affektkrampf erholt sich das Kind meist rasch und vollständig. Eine Nachschlafphase ist selten nötig.
Ursachen und Auslöser
Die genaue Ursache von Affektkrämpfen ist nicht vollständig geklärt, es handelt sich jedoch um eine harmlose Fehlregulation des autonomen Nervensystems. Die wichtigsten Auslöser sind:
- Emotionale Überreizung (z. B. Wut, Angst, Frust)
- Schmerz (z. B. bei einem Sturz)
- Übermüdung oder Reizüberflutung
- Genetische Veranlagung (familiäre Häufung möglich)
Affektkrämpfe: Diagnostik und Abgrenzung
Die Diagnose erfolgt meist klinisch anhand der typischen Anamnese und Symptomatik. Eine neurologische Untersuchung kann sinnvoll sein, um andere Ursachen – insbesondere Epilepsie – auszuschließen. Wichtig ist die Unterscheidung zu echten epileptischen Anfällen. Ein EEG (Elektroenzephalogramm) wird nur in unklaren Fällen durchgeführt.
Wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?
Obwohl Affektkrämpfe meistens harmlos sind, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll, wenn:
- die Anfälle sehr häufig auftreten
- das Kind nach einem Anfall auffällig müde oder desorientiert wirkt
- Zweifel an der Diagnose bestehen
- sich das Verhalten des Kindes plötzlich verändert
Verlauf und Prognose
Affektkrämpfe haben in der Regel eine gute Prognose. Die Häufigkeit nimmt mit zunehmendem Alter ab, und fast alle Kinder „wachsen“ aus dem Phänomen heraus. Spätestens im Vorschulalter verschwinden die Anfälle meist vollständig.
Eine spezifische medikamentöse Behandlung ist nicht erforderlich. Beruhigung, Sicherheit und Geduld der Eltern sind hier die wichtigsten Mittel. Nur in sehr seltenen Fällen mit besonders heftigen oder häufigen Anfällen wird eine Therapie mit Eisenpräparaten oder anderen Maßnahmen diskutiert, insbesondere wenn ein Eisenmangel vorliegt.
Tipps für Eltern im Umgang mit Affektkrämpfen:
- Ruhe bewahren und das Kind in sicherer Umgebung beobachten
- Reizüberflutung im Alltag vermeiden
- Dem Kind Struktur und Sicherheit bieten
- Keine übermäßige Besorgnis zeigen – das verstärkt häufig das Verhalten
Affektkrämpfe – ein Fazit
Affektkrämpfe gehören zu den häufigsten funktionellen Störungen im Kleinkindalter. Trotz ihres dramatischen Erscheinungsbilds stellen sie in den meisten Fällen kein ernsthaftes gesundheitliches Risiko dar. Eine beruhigende Aufklärung der Eltern und ggf. eine einmalige ärztliche Abklärung sind in der Regel ausreichend.
Quellen
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- Pearce JM. Breath-holding spells. In: Handbook of Clinical Neurology. Vol. 112. Amsterdam: Elsevier; 2013.