Akrodynie, auch bekannt als pink disease, ist eine seltene neurotoxische Erkrankung, die vor allem im frühen Kindesalter auftritt. Sie war historisch eng mit Quecksilbervergiftungen assoziiert, tritt heute aber nur noch vereinzelt auf. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch schmerzhafte Hautveränderungen an den Akren – also den äußersten Körperteilen wie Händen, Füßen, Ohren und Nase – sowie durch systemische Symptome.
Ursachen und Pathophysiologie der Akrodynie
Die klassische Form der Akrodynie wurde hauptsächlich durch chronische Quecksilberexposition verursacht, etwa durch quecksilberhaltige Medikamente oder Desinfektionsmittel, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts Verwendung fanden. Quecksilber wirkt neurotoxisch und beeinflusst das zentrale sowie periphere Nervensystem.
Heute gelten auch andere mögliche Ursachen als Auslöser von Akrodynie-ähnlichen Symptomen, darunter:
- Toxische Reaktionen auf bestimmte Medikamente
- Autoimmunreaktionen
- Erblich bedingte Störungen des Stoffwechsels
Die pathophysiologischen Mechanismen beinhalten eine Reizung des sympathischen Nervensystems, was zu einer Vasodilatation und entzündlichen Hautreaktionen an den Akren führen kann.
Typische Symptome der Akrodynie
Die Symptome von Akrodynie entwickeln sich oft schleichend und können unspezifisch erscheinen. Häufig betroffen sind Kinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren. Zu den Leitsymptomen zählen:
- Schmerzen, Rötungen und Schwellungen an Händen und Füßen
- Hautabschuppung, insbesondere an den Fingerspitzen
- Schwitzen (Hyperhidrose) der betroffenen Areale
- Lichtscheu (Photophobie) und Reizbarkeit
- Blutdruckveränderungen und Tachykardie
- Schlafstörungen und Entwicklungsverzögerungen
Diese Symptome können sich über Wochen entwickeln und werden in schweren Fällen von neurologischen Auffälligkeiten wie Hypotonie oder Reflexverlust begleitet.
Diagnostik und Differenzialdiagnosen
Die Diagnose Akrodynie basiert auf klinischen Beobachtungen und einer gründlichen Anamnese. Besonders wichtig ist die Erfassung möglicher Expositionen gegenüber Quecksilber oder toxischen Substanzen. Labordiagnostisch können erhöhte Quecksilberwerte im Urin oder Blut Hinweise liefern.
Differenzialdiagnostisch müssen unter anderem folgende Erkrankungen ausgeschlossen werden:
- Kawasaki-Syndrom
- Raynaud-Syndrom
- Polyneuropathien
- Kontaktallergien oder Ekzeme
Behandlung der Akrodynie
Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Im Falle einer Quecksilbervergiftung ist die sofortige Expositionskarenz entscheidend. Zusätzlich wird oft eine Chelattherapie mit Dimercaprol oder DMSA durchgeführt, um das Schwermetall aus dem Körper auszuleiten.
Weitere therapeutische Maßnahmen umfassen:
- Symptomatische Schmerzbehandlung
- Topische Kortikosteroide zur Linderung der Hautsymptome
- Psychosoziale Betreuung bei persistierenden Verhaltensauffälligkeiten
In akuten Fällen kann eine stationäre Behandlung notwendig werden.
Verlauf und Prognose
Bei frühzeitiger Diagnose und konsequenter Therapie ist die Prognose in der Regel gut. Ohne Behandlung kann es jedoch zu dauerhaften neurologischen Schäden und Entwicklungsverzögerungen kommen.
Quellen
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